Mr. Leonard Knight



— Hard Times on Salvation Mountain —

leonard_knight_salvation_mountain

Quelle: Die Welt – Der Bergprediger

Leonard Knight braucht eine Pause. Der zarte, alte Mann mit dem schlohweißen Haar hat sich in den Schatten seines Trucks zurückgezogen. Nur kurz ausruhen, bis die Mittagshitze abgeklungen ist. Er öffnet eine Fischkonserve und putzt sich die farbverschmierten Hände an seiner Latzhose ab. Hinter seinem Truck, in dem er seit mehr als 20 Jahren lebt, ragt ein bunter Berg in den Himmel, drei Stockwerke hoch, mit Herzen, Blumen und gewaltigen Kaskaden bemalt. Auf der Kuppe steht in riesigen Buchstaben „God is Love“, auf der Spitze steht ein Kreuz. Leonard steckt sich mit zittrigen Fingern ein paar Thunfischstücke in den Mund. Dann geht er zurück an die Arbeit.

Seit 25 Jahren baut Leonard Knight in der kalifornischen Wüste an seinem Lebenswerk. Er hat ihm den Namen Salvation Mountain gegeben, Berg der Erlösung. Aus Lehm, Stroh und Heuballen hat er einen Berg errichtet, den er mit 400 000 Litern Farbe bemalt hat. Leonard Knight ist alt geworden, in diesem Jahr wird er 78. Die viele Arbeit unter der Sonne Kaliforniens hat seine Haut gegerbt und seinen Rücken gekrümmt. Manchmal vergisst er, dass er alles schon einmal erzählt hat, und fängt seine Geschichte von vorn an – wie er zu Gott fand, wie alles begann. Doch die Besucher, die aus allen Teilen der USA hierherkommen, um sich ein Bild von diesem sonderbaren Ort zu machen, verehren den Mann. Niemand hier sieht ihn als Spinner, als einen dieser wahnhaft Gläubigen, von denen es in Kalifornien so viele gibt, die in den Straßen von Venice Beach oder San Francisco mit Schildern in der Hand ihre verqueren Heilsformeln predigen. In dieser endzeitlich anmutenden Gegend unweit des Salton Sea wirkt Salvation Mountain wie die Kulisse eines Märchenfilms. Seine Besucher sehen Leonards Berg als Wahrzeichen einer kindgleichen, bedingungslosen Liebe zu Gott, vor allem aber als Ausdruck völliger Glückseligkeit.

Doch der Weg dahin war weit und schwer. Geboren wurde Leonard 1932 in Vermont, am anderen Ende der Vereinigten Staaten. Ein glückloser Junge, der von seinen Mitschülern gehänselt wurde, von der Schule flog, in den Koreakrieg zog und dort kaputte Panzer reparierte. Als er zurückkam, hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, als Automechaniker und Straßenkehrer. Wenn es gar nicht anders ging, überwinterte er im Obdachlosenheim. Das Einzige, was sein tristes Leben erhellte, waren die Besuche bei seiner Schwester, die mit ihrer Familie in San Diego wohnte. So oft es ging, reiste er zu ihr nach Kalifornien. Nur eine Sache nervte ihn gewaltig: Immer versuchte seine Schwester, ihn mit in die Kirche zu schleppen. „Ich mochte weder Gott noch Jesus“, sagt Leonard mit seiner hohen, brüchigen Stimme. „Und ich hatte nichts in meinem Leben getan, was Gott besonders gefallen haben könnte.“ Doch dann geschah etwas, was alles veränderte. Auf der Flucht vor seiner missionarischen Schwester rannte Leonard aus dem Haus – und hielt mit einem Mal inne. Ein psychotischer Moment wahrscheinlich, aber für Leonard der Beginn eines neuen Lebens. Immer wieder musste er die Worte „Jesus, ich bin ein Sünder, bitte komm in mein Herz“ vor sich hinsagen. „Ich weinte wie ein Baby und lief zurück zu meiner Schwester“, sagt er. Dabei murmelte er immer wieder dieselben Worte: „Jesus, ich bin ein Sünder, bitte komm in mein Herz.“ Danach nahm sein Leben eine Wendung, von nun an lebte Leonard für Gott. Und irgendetwas musste er tun, um Gott seine Liebe zu beweisen Bis er anfing, seinen Berg zu bauen, sollten noch Jahre vergehen.

1971, Leonard war nach Vermont zurückgekehrt, sah er eines Tages einen Heißluftballon am Himmel. So einen wollte er auch. Damit konnte er Gott näher sein und die Botschaft seiner Liebe durchs Land fliegen lassen. Aber Leonard war arm, ein Ballon war nicht zu bezahlen. Nach zehn Jahren vergeblicher Arbeit an dilettantischen Eigenkonstruktionen fragte er sich, „Will Gott denn keinen Ballon?“, und quälte sich mit dem Gedanken aufzugeben. Doch dann lernte Leonard einen Mann aus Nebraska kennen, ihm gefiel seine Idee. Er besorgte ihm billiges Material und überließ ihm die Nähmaschine seiner Frau. Drei Jahre nähte Leonard an der Plane. 1982 war es so weit. In Slab City, einer heruntergekommenen Wohnwagensiedlung in der Mojave-Wüste, sollte der Ballon abheben. Noch bevor alles fertig war, kam eine gewaltige Windböe und zerriss den gesamten Ballon.

Von der Enttäuschung erschöpft, blieb Leonard in der Wüste. Nur eine Weile wollte er in Slab City verweilen, um seine Gedanken zu ordnen. Zwischen Aussteigern, Kriegsveteranen und Delinquenten, die sich auf dem ehemaligen Atombombentestgelände der US Army niedergelassen haben, die meisten verschuldet, drogensüchtig oder geisteskrank, wollte Leonard Knight neue Pläne fassen. Er blieb eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Irgendwann in dieser Zeit fiel ihm der besondere Boden dieser Gegend auf. Er experimentierte mit Erde und Wasser, bis er feststellte, dass dieser Boden den „besten Lehm der Welt“ enthielt. Er mischte Stroh hinzu und ließ Schicht für Schicht einen kleinen Hügel in den Himmel wachsen. 1984 war sein neues Projekt geboren, Salvation Mountain wuchs unaufhaltsam Richtung Gott. Doch fünf Jahre später kam der nächste Rückschlag. Es begann mit einem leichten Regen, dann ging ein Riss quer durch den ganzen Berg, schließlich stürzte alles ein. Aber Leonard gab nicht auf. „Ich sagte zu Gott: ,Leonard hat so lange daran gebaut, und jetzt ist alles kaputt. Jetzt bist du dran, Gott!'“ Immer wieder bat er ihn: „Lass nicht zu, dass Leonard zu viel macht, dann funktioniert es nicht.“

Leonard fing von vorne an. Der Hügel wurde höher und bunter und schöner. Seit ein paar Jahren baut er an einem weiteren Trakt, den er „Dom“ nennt – ein Bau mit verwinkelten Räumen, die er mit Baumstämmen abstützt und mit Flugzeugsitzen und Autofenstern ausstattet, die er in der Wüste findet.

Als die Regierung Mitte der Neunziger versuchte, das heruntergekommene Slab City und damit Salvation Mountain von der Landkarte zu tilgen, hatte Leonard bereits so viele Unterstützer in der Gegend, dass der Ort verschont blieb. Vor ein paar Jahren hat die Senatorin von Kalifornien den Berg zum Nationalen Kulturgut erklärt. „Wenn Leonard einmal nicht mehr ist“, sagt er, „dann wird Salvation Mountain noch lange bleiben.“ Dann greift er sich einen Farbeimer und geht zurück an die Arbeit.